Senior-Bufdi Dieter Benner erlebt "enorme Herzlichkeit"

Senior-Bufdi Dieter Benner erlebt "enorme Herzlichkeit"

Der 62-jährige Dieter Benner ist eigentlich schon in Altersteilzeit, hat sich aber dazu entschlossen, diese mit einem Jahr Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) zu verknüpfen. Er arbeitet in der Tagesförderstätte in Wallertheim und unterstützt dort die Mitarbeitenden.

„Dieter, den blauen oder den grünen Knopf?“, ruft Georg Patzel* quer durch die Küche. Hier steht Dieter Benner an der Spüle und räumt Geschirr ein. Vor rund drei Stunden hat er seinen Arbeitstag in Gruppe 6, „Aktenvernichtung, Wäschedienst, Digitalisierung“ in der NRD-Tagesförderstätte (Tafö) in Wallertheim begonnen. Hier absolviert er ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst, kurz Bufdi.

Jetzt lässt er Geschirr Geschirr sein und geht zu Georg Patzel, der vor dem Computer sitzt und nicht mehr weiter weiß. Geduldig erklärt Benner dem Klienten, wie er die Fotos einscannen soll. Dass die Frage in kurzer Zeit ein weiteres dutzend Mal gestellt wird, kennt Benner schon. „So ist das eben, jeder in seinem Tempo“, sagt er. Wie geduldig muss man bei der Arbeit in der Tafö sein – auf einer Skala von eins bis zehn? „Sicher sollte man sich eher im Zehnerbereich einordnen.“ Da ist es völlig normal, dass man gelegentlich eine Auszeit braucht. „Dann gehe ich kurz vor die Tür und rauche eine.“

Dieter Benner – weinrote Kapuzenjacke, Jeans und blaue Sneakers – entspricht nicht dem klassischen Bild eines Bufdis. Häufig wird der Bundesfreiwilligendienst von jungen Menschen absolviert, die sich nach der Schule im sozialen, ökologischen oder kulturellen Bereich engagieren und beruflich orientieren wollen. Dabei ist diese Möglichkeit des Engagements für alle Menschen gleichermaßen gedacht, unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht oder Schulabschluss.

Dieter Benner ist 62 Jahre alt. Ganz bewusst hat er den Anzug und seinen alten Job an den Nagel gehängt und gegen die Arbeit in der Tafö eingetauscht. „Ich war vorher Teamleiter und Projektmanager bei der Telekom und viel unterwegs“, erzählt er. Nach zwei Umstrukturierungen hatte sich dort einiges verändert. „Mir wurden verschiedene Führungspositionen angeboten, die waren aber mit langen Wegen zur Arbeit verbunden. Diesen Stress wollte ich mir nicht mehr antun.“ In Gesprächen mit seinem Arbeitgeber ist der Wörrstädter schließlich auf die Lösung gekommen, in Altersteilzeit zu gehen, verknüpft mit einem Jahr Bundesfreiwilligendienst.

Auch wenn Freunde und Bekannte an dieser Entscheidung erst mal zweifelten, für Dieter Benner fühlt sie sich richtig an. „Von meinem alten Job vermisse ich gar nichts, außer einige Kollegen natürlich.“ Ursprünglich hatte er sich die Rheinhessen- Werkstatt als Einsatzort für seinen Bufdi vorgestellt. Weil hier kein Platz frei war, wurde seine Anfrage an die Tagesförderstätte in Wallertheim weitergegeben.

Einen Probearbeitstag später war klar, hier wird er sein Jahr gerne verbringen. „Ich bin jetzt seit knapp drei Monaten hier und es macht mir großen Spaß. Die Herzlichkeit, die ich hier zurückbekomme, ist wirklich immens.“ Eine typische Arbeitswoche, in der alles gleich läuft, gibt es für ihn nicht. „Der Job ist abwechslungsreich und interessant, man muss flexibel sein und sich immer wieder auf die Menschen und unterschiedliche Situationen einstellen“.

Dass der Job aber auch anstrengend sein kann, wird an einem Tag wie heute ganz besonders deutlich. Beim Team-Meeting, das jeden Morgen stattfindet, die Hiobsbotschaft: Fünf der insgesamt 21 Mitarbeiter haben sich krankgemeldet. Dennoch gilt es, den 36 Klienten, die ab neun Uhr von den verschiedenen NRD-Wohnverbünden kommen, gerecht zu werden. Für Dieter Benner und seine Kollegen, die auf 6 Gruppen aufgeteilt sind, bedeutet das: Vieles gleichzeitig im Blick behalten. Da ist Georg Patzel, der Hilfe beim Scannen braucht, der demente Klaus Foglini*, der mit einer kleingeschnittenen Banane versorgt wird oder Helmut Kurz* der seinen Trinkreflex nicht kontrollieren kann und alle paar Minuten versucht, an ein Glas Wasser zu kommen – und das natürlich alles gleichzeitig.

„Eine herausfordernde Tätigkeit, keine Frage“. Dennoch gelingt es dem 62-Jährigen, den Überblick zu behalten und dabei mit einer großen Portion Empathie und seinem herzlichen Lachen auf die Menschen einzugehen. „Man muss sich das Vertrauen der Klienten erst mal erarbeiten. Bei dem einen geht das schneller und beim anderen dauert es eben etwas länger. Man muss die Zeit für sich arbeiten lassen und sich darauf einstellen, dass es bei einigen eben gute und schlechte Tage gibt.“

Ein tolles Team

Dass die Arbeit in der Tafö funktioniert und auch für die Klienten, die gerade Akten schreddern oder Dias digitalisieren, genug Aufmerksamkeit bleibt, ist nicht zuletzt auch Teamleiter Wolfgang Schäfer zu verdanken. Er achtet auf die richtige Medikamentenvergabe, koordiniert die Krankheitsausfälle und leitet zudem neue Kollegen wie Dieter Benner an – gar nicht so leicht, wenn fünf Mitarbeiter fehlen. „Hast du schon mal Reiner* nach dem Mittagessen zum Schlafen hingelegt? Nein? Dann machen wir das jetzt zusammen“, erklärt der Teamleiter, nachdem die Klienten zu Mittag gegessen und ihre Medikamente bekommen haben.

Aufmerksam lässt sich der Bufdi zeigen, wie der Lifter funktioniert, in welchem Winkel Reiner am besten hingelegt und wie er mit geeigneten Kissen stabilisiert wird. „Das ist mir hier gleich in der ersten Woche aufgefallen: Die Kollegen erklären alles super und ausführlich. Überhaupt ist das Team hier ganz toll und ich bin von Anfang an sehr herzlich aufgenommen worden.“

Benners Resümee nach drei Monaten Tafö: „Natürlich ist die Arbeit hier fordernd und anstrengend. Aber das war mein alter Job auch. Der große Unterschied: Es ist ein gutes Gefühl, den Menschen hier dabei zu helfen, den Tag nach ihren Möglichkeiten mit einer sinnstiftenden Tätigkeit zu füllen. Man bekommt hier ganz viel zurück.“

*Namen der Klienten geändert                                          

 
  • Inklusion...

    ... heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch ein Stück Sperrholz. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

    Inklusion...
    Tobias Koch
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