Wissen sammeln für Kolumbien

Wissen sammeln für Kolumbien

WELTWÄRTS heißt der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), an dem seit 2008 schon über 30.000 junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren teilgenommen haben. Im Mittelpunkt stehen dabei der interkulturelle Austausch und globales Lernen. Ein Kooperationspartner von WELTWÄRTS ist der Freiwilligendienst des Deutschen Roten Kreuzes, Volunta, mit dem auch die NRD kooperiert. Als erste Freiwillige ist im Rahmen dieser Kooperation Natalia Lucia Puerta Borda, 25, aus Kolumbien in der NRD gelandet.

Im Werk 1 der Dieburger Werkstätten wird sie von allen Natalia gerufen wird. Regulär ist sie dort im Berufsbildungsbereich tätig, sie darf aber auch in allen anderen Bereichen hospitieren, denn sie will möglichst viel lernen. Die studierte Sozialwissenschaftlerin, die zuletzt als Lehrerin tätig war, hat eine starke Motivation: „Meine Schwester Sara, 22 Jahre alt, hat das Down-Syndrom. Die erste Reaktion von fremden Menschen, die ihr begegnen, ist Ablehnung. In Kolumbien gibt es kaum Wissen über das Down- Syndrom oder über geistige Behinderung überhaupt. Die Menschen werden bei uns nicht gefördert und nicht gefordert. Man traut ihnen nicht zu, dass sie etwas lernen und arbeiten können. Ich will dazu beitragen, dass sich das ändert.“

Natalia kommt aus einem Dorf in der Region Boyaca im Nordosten Kolumbiens. Die Hauptstadt der Region ist Tunja. Dort hat Natalia studiert und dort fiel ihr auch ein Plakat der „Stiftung 180º“ ins Auge, dem kolumbianischen Kooperationspartner von WELTWÄRTS. So kam sie Anfang des Jahres nach Deutschland und auf eigenen Wunsch in eine Einrichtung der Behindertenhilfe.

Julia Hillebrand, Leiterin der Dieburger Werkstätten, die im vergangenen Jahr vom Volunta-Projekt erfuhr, war sofort angetan. „Ich stelle gerne ein bis zwei Plätze bereit“, sagt sie, „ich sehe diese jedoch nicht als zusätzliche Arbeitsplätze. Die Menschen lernen hier eine neue Kultur, eine neue Sprache und auch ein neues Klima kennen. Da kann die Arbeitskraft nicht im Vordergrund stehen“.

Der Einstieg war für Natalia nicht leicht. Zwar hatte sie in Kolumbien einen dreimonatigen Deutschkurs besucht, doch das reichte nicht aus, um die Sprache zu verstehen, geschweige denn zu sprechen. „Hier muss Volunta für den Anfang Unterstützung bereitstellen“ meint Julia Hillebrand, „für uns ist es das erste Mal und wir sammeln noch Erfahrung.“

Inzwischen kann Natalia sich gut verständigen. Außerdem hat sie ihr Smartphone, um schnell ein Wort zu googeln. Die Arbeit in Dieburg macht ihr viel Freude: „Ich mache einfach alles, was zu tun ist“, sagt sie, „ich assistiere, höre mir Sorgen und Nöte an und arbeite mitw. Ich bin begeistert, zu sehen, was Menschen mit Behinderung leisten können. Sie arbeiten hier mit allen möglichen Maschinen. Das ist in Kolumbien völlig anders.“

Ihre Schwester habe zwar eine Schule besucht, berichtet Natalia, aber dort nicht viel gelernt. Auch von Angehörigen würden behinderte Menschen eher verwöhnt als gefördert. Und man denke auch nicht an die Zukunft; an die Zeit, wo die Eltern alt sind und nicht mehr für ihr Kind sorgen können. „Meine Schwester ist seit vier Jahren nicht mehr in der Schule. Sie geht in eine Tanzgruppe und macht Aerobic. Sie spielt Konga. Sie ist sehr musikalisch.“ Natalia bedauert es, dass ihre geliebte Schwester keine Chance erhalten hat, mehr zu lernen.

In Dieburg erlebt sie, dass Menschen mit Behinderung gerne arbeiten, dass sie gerne in der Werkstatt zusammen sind und sich über gelungene Leistungen freuen. Diese Erfahrung will Natalia auch in ihrem Dorf in Kolumbien ermöglichen. „Ich werde dort eine Stiftung gründen und Finanzierungspartner in der Region suchen, um Arbeit für behinderte Menschen anzubieten. So etwas funktioniert gut in meinem Land. Montage und Verpackung, das passt nicht so ins Dorf, aber Garten- und Landschaftsbau ist genau richtig.“

Damit der Aufenthalt im Gastland kostengünstig bleibt, vermittelt Volunta Gastfamilien, die gegen eine Aufwandsentschädigung junge Freiwillige aufnehmen. Für Natalia und einen Medizinstudenten aus Kolumbien wurde eine Gastfamilie in Roßdorf gefunden. „Die Familie Schuck ist wahnsinnig nett zu uns“, berichtet Natalia. „Zwei der drei erwachsenen Kinder waren als Freiwillige in Bolivien und Costa Rica. Und jetzt haben sie uns aufgenommen. Wir reden viel miteinander und unternehmen am Wochenende etwas. Sie sind sehr interessiert und offen.“

Sie wundert sich, wie schnell die Zeit vergangen ist und denkt manchmal auch schon daran, dass ihr der Abschied aus Dieburg und Roßdorf schwerfallen wird. „Die Beschäftigten sind so nett. Neulich hat mir einer einen Brief geschrieben. Darin stand, dass ich ein Schutzengel bin.“

 
  • Inklusion...

    ...bedeutet für mich, dass man alle Menschen wieder mehr zusammenführt. Wenn alle aufmerksam und hilfsbereit miteinander umgehen, dann geht es allen auch seelisch besser. 

    Inklusion...
    Virginia Dindore
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